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Neuestes Interview mit Gunter von Hagens — Rendezvous mit einem Todgesagten

 

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Heute in BILD erschienen:

 

„Gunther von Hagens: Rendezvous mit einem Totgesagten“ Krank soll er sein. Todkrank. Ein Wrack. Das stand in den letzten Wochen und Monaten über ihn in den Zeitungen. Der Mann, den sie „Dr. Tod“ nennen, kämpft nun selbst mit ihm. Ich rechne mit dem Schlimmsten, als ich auf Gunther von Hagens (68) warte. Werden wir überhaupt miteinander sprechen können? Kann er mir in die Augen schauen? Funktioniert sein Gehirn noch oder hat ihn die Krankheit schon verwirrt? Ich rutsche auf dem Stuhl hin und her. Ein Mann, der sich aufs Sterben vorbereitet, ist mir unheimlich. Die Tür geht auf. Da steht er. Gunther von Hagens. Kariertes Flanellhemd, schwarze Jeans, Hut und Lederweste. Ich bin erleichtert. Er sieht aus wie immer, wie man ihn kennt. Mit weit aufgerissenen Augen schaut er mich an, macht drei Tippelschritte auf mich zu und reicht mir die Hand: „Guten Tag.“ Ich glaube zumindest, dass er das sagt, denn ich verstehe ihn nicht wirklich. Er nuschelt, als hätte er den Mund voll. Seine Zunge macht unkontrollierte Bewegungen. Morbus Parkinson lässt ihn seit mehr als fünf Jahren die Wörter nicht formen. Um Gunther von Hagens zu treffen, bin ich nach Guben gefahren. Brandenburg, ganz nah an der Grenze zu Polen. Ein grauer Schleier liegt an diesem Morgen Ende November über der Stadt. Es regnet. Hierher verirren sich Menschen nur aus zwei Gründen. Sie fahren nach Polen. Billig tanken und Zigaretten kaufen. Oder sie besuchen das Plastinarium von Gunther von Hagens. Vor sieben Jahren kaufte der berühmte Anatom die ehemalige Tuchfabrik für einen Euro und richtete sein Leichenschauhaus in den roten Backsteingebäuden ein. Es ist eine Mischung aus Werkstatt (die Leichen von Spendern werden angeliefert, bearbeitet und präpariert) und Ausstellung (auf über 3000 Quadratmetern hängen, stehen und liegen menschliche oder tierische Körper als Ganzkörperplastinate oder in Scheiben). Gunther von Hagens setzt sich neben mich. Er riecht gut. Nach Allure Homme. Chanel. Ich werde das Parfum später auf seinem Schreibtisch entdecken. Das Zimmer, in dem ich auf ihn gewartet habe, ist eine Art Konferenzraum für die 59 Mitarbeiter des Plastinariums. Thermoskannen mit Tee und Kaffee stehen auf dem Tisch, Säfte, ein Teller mit Keksen. Gunther von Hagens nimmt eine rote Serviette und deckt den Keksteller ab. „Ich darf nichts Süßes essen“, sagt er. „Die Krankheit.“ Ich frage ihn, wie sein Tag bis jetzt war, wie er sich fühlt. Er stottert: „Heute ist ein Tag über der Norm. Ich bin um drei Uhr aufgestanden. Dann habe ich um 5.23 Uhr den Zug von Berlin nach Guben genommen.“ Ich unterbreche ihn. „Um drei Uhr schon aufgestanden?“ Er lächelt. „Ich brauche nur vier bis fünf Stunden Schlaf.“ Dünne Speichelfäden ziehen sich vom Kinn auf seine Lederweste nimmt eine Serviette und wischt sich über den Mund. „Guben ist mir zu einsam. Ich liebe meine Wohnung in Berlin. Die Stadt gefällt mir irre gut.“ Langsam gewöhne ich mich an seine Sprache, muss aber häufig nachfragen, ob ich ihn richtig verstanden habe. Das findet er ok. Wir stehen auf. Er will mir eine Führung durch das Plastinarium geben. Sein Lebenswerk. Er öffnet die Tür, tippelt dreimal auf der Stelle, dann rennt er los. Über den Flur. Er rennt wie aufgedreht. Als wir in seiner Wohnung stehen, frage ich ihn, warum er gerannt ist. Seine Antwort verstehe ich nicht. Eine Dame kommt herein und fragt, ob sie den Flug nach New York buchen kann. Gunther von Hagens nickt. „Ich werde an der Uni in New York einen Vortrag halten.“ In Englisch, frage ich. „Na klar. Was glauben Sie denn?“, fragt er ungläubig zurück. Ich glaube, dass ihn niemand verstehen wird, weil ich ihn ja nicht einmal auf Deutsch verstehe. Aber das sage ich nicht. In seiner Wohnung riecht es wie in einer Apotheke. Medikamente stapeln sich übereinander. Gunther von Hagens nimmt morgens 20 Tabletten und abends 20. Gegen das Zittern und die Muskelstarre hat er sich zwei kleine Elektroden in den Kopf pflanzen lassen, die sein Nervensystem unter Strom setzen. „Damit lebt es sich ganz gut“, sagt er. In seinem Arbeitszimmer hängt ein Foto. Gunther von Hagens mit einem Hund auf dem Arm. Er sieht glücklich aus. „Das war Bella. Mein Prager Rattler. Er wurde im Sommer hier in Guben vorm Plastinarium überfahren.“ Seine Stimme wird noch undeutlicher als sonst und die grauen Augen füllen sich mit Tränen. „Wenn die Trauerzeit vorbei ist, hole ich mir wieder einen Prager Rattler. Wieder eine Bella.“ Er dreht sich zur Seite und wischt sich über den Mund. Ich schaue aus dem Fenster und sehe ein Vogelhaus, das ein paar Meter entfernt auf dem Vordach steht. Das sei ja ziemlich unpraktisch, sage ich. Wie füttern Sie denn die Vögel? Da müssen Sie ja jedes Mal aus dem . . . Ich schaffe es nicht, den Satz zu Ende zu bringen, da springt Gunther von Hagens mit einem Bein auf einen wackligen Hocker, mit dem anderen aufs Fensterbrett. Dann öffnet er das Fenster und steigt hinaus aufs Dach. „Sehen Sie“, ruft er. „Geht doch ganz einfach.“ Ich lache. Das gefällt Gunther von Hagens. „Ich dachte, Sie seien schwerkrank“, sage ich. „Aber Sie springen hier umher wie ein junger Gockel.“ Er tippelt auf mich zu, dann kommt er dicht an mein Ohr. Sein Parfum ist wirklich gut. Er will, dass ich jedes Wort verstehe: „Vor einem Jahr ging es mir viel schlechter. Ich bin ständig hingefallen. Die Krankheit hatte mich im Griff. Aber jetzt. Haha. Jetzt bin ich wieder da. Ich habe die Krankheit gestoppt und alles neu gelernt. Sehen Sie, sogar das Schreiben.“ Er nimmt einen Bleistift und ein Blatt Papier und schreibt mit der linken Hand (früher war er Rechtshänder) die Zahlen 93546789 auf. „Das heißt, Sie bereiten sich nicht auf das Sterben vor?“ „Ach was“, ruft er und seine Stimme wird lauter. „Ich lebe ja noch 15 bis 20 Jahre.“ Er klatscht in die Hände. Ich erschrecke mich. „Und das Beste: Ich werde erst noch richtig berühmt. Mit Easy Plastination. Einem neuen Verfahren zur schnellen und billigen Plastination.“ Ganz kurz sackt er erschöpft zusammen. Das laute Sprechen und die vielen Handbewegungen haben ihn Kraft gekostet. Doch schon eine Sekunde später richtet er sich auf, macht drei Tippelschritte und rennt auf den Flur. „Kommen Sie. Hier lang. In mein Labor.“ Er läuft so hektisch davon, dass ich Mühe habe, ihm zu folgen. „Hier forsche ich“, sagt er und schiebt mich in einen Raum, in dem es ungesund riecht. Formalintanks stehen umher, 37 Schweineherzen liegen auf einem Tisch. Alle tragen kleine Zettelchen. „Ich entwickele gerade neue Kunststoffverfahren.“ Er schaut auf die Uhr. Er müsse bald wieder in Berlin sein, er habe einen Termin. Ich schlage ihm vor, dass wir ihn im Auto mitnehmen können. Das findet er gut. „Stimmt es, dass Sie auch plastiniert werden wollen?“, frage ich Gunther von Hagens. Jetzt ist er ganz aufgeregt. „Natürlich“, ruft er. „Kommen Sie, ich zeige Ihnen, wo ich stehen möchte.“ Er macht drei Tippelschritte, dann rennt er die Treppen runter, zum Eingang der Ausstellung. „Hier will ich die Besucher mit Handschlag begrüßen“, sagt er und stellt sich für den Fotografen in Pose. Mein Blick schweift über all die Silikonpräparate, die Organe, die Gefäßgestalten in der Ausstellung. „Sind Sie eigentlich stolz darauf, was Sie geschaffen haben?“, frage ich ihn. „Nein“, entgegnet Gunther von Hagens. „Wer meint, etwas zu sein, der hört auf, etwas zu werden.“ Wir sitzen im Auto, fahren zurück nach Berlin. Wo er denn Weihnachten feiern werde, frage ich Gunther von Hagens. „Ich will in Krakau einen Polnischkurs machen.“ „Sie wollen Weihnachten nicht bei Ihrer Frau in Heidelberg sein?“ „Ach, wissen Sie, Weihnachten bin ich am liebsten allein. Dann komme ich auch endlich einmal dazu, an meiner Autobiografie weiterzuschreiben.“ Wie die denn heißen solle, frage ich. Er schreit, weil er will, dass ich ihn gut verstehe: „Ich war anders.“ Dann fallen ihm die Augen zu und sein Hut rutscht nach vorn. Er dämmert weg. Aber es ist nur ein Mittagsschlaf.

08.01.2014 © BILD

 

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